… und er sah, dass es gut war

Noemi Smolik

… Die spektakulärste Arbeit in dieser Ausstellung ist der auf einer Bahre liegende Jesus geformt aus Marzipan von Martina Rapedius und Thomas Rindfleisch. Spektakulär im Debords Sinne des Wortes. Denn diese beiden Künstler holen den Leib Christi, der im Christentum das Objekt einer der zentralen Illusion ist – denken wir nur an die kultische Handlung des Abendmahls, die das Brot in Leib Christi verwandelt – sie holen diesen illusionären Körper in das Irdische, ins Reich des Materiellen, des tatsächlich Essbaren zurück. Das ist eine gewagte Geste, aber macht sie den Leib Christi auch tatsächlich frei von Illusionen? So frei, dass wir das Marzipan als Objekt unserer Begierde behandeln – gegebenenfalls auch verspeisen – können? …


Der Christus aus Mandeln und Zucker

Benita Joswig

Da liegt in St. Katharinen, in einer der Hauptkirchen in Hamburg, gegenüber der Speicherstadt, ehemals Ort gehorteter Lebensmittel und Waren aus aller Welt, ein Christus mit seinen bezeichnenden Attributen, den Wundmalen an Händen und Füßen, dem Stich in der Seite, einer Dornenkrone und Lendenschurz, lebensgroß liegt er wie aufgebahrt auf einem Tischaltar im südlichen Seitenschiff der Kirche.

Dieser Christus ist aus Marzipan. Schwer liegt er in seiner ölig-süßen Masse, ein vom Kreuz abgenommener Christus, hautfarben-hell, ein junger Körper ohne Makel, sein Gesicht und Haar im Stil der Nazarener des 19. Jahrhunderts. Über ihm ein Gekreuzigter aus dunklem Holz wie ein Todesschatten und doch hochaufstrebend, ein Triumphkreuz mit Christusfigur, geschaffen um das 13. Jahrhundert. Das Kreuz, vergoldet, aus den frühen 50er Jahren des 20. Jahrhunderts, verweist auf den Auferstandenen, der mit weit ausgebreiteten Armen eher schwebt als hängt, entgegen kommt als Rettender und als ein den Tod Überwindender.

Dieser Christus ist eine auf Dauer angelegte Figur, bereits über 800 Jahre alt, im Gegensatz zu der Christusplastik aus Marzipan, einer temporären Plastik, die vergänglich ist und – so die Idee der Künstlerin Martina Rapedius und des Künstlers Thomas Rindfleisch (beide Studierende an der Hamburger für bildende Kunst)– verzehrt werden darf, im wahren Sinne der Worte: stückchenweise sich einverleibt werden kann. Das Angebot wird noch durch einen Teller, eine Serviette, Gabel und Tortenheber unterstrichen: „Mein Leib“: 98 kg., Marzipan, Kakaobutter, Lebensmittelfarbe.

Im Rahmen der Ausstellung „…und er sah, dass es gut war“ (November 2002) hat diese künstlerische Arbeit die Auseinandersetzung über zeitgenössische Christusdarstellungen im kirchlichen Raum wieder eingeholt. Wieder geht es hier um die Fragen, welchen Spiel- und Freiraum zeitgenössische Kunst im Kirchenraum einnimmt. Die Machtverhältnisse haben sich – so Peter F. Schmid – entscheidend geändert. Zensur ist kaum mehr möglich und wo sie ausgeübt wird, wirkt sie vielfach unangebracht, ja eher peinlich. Durch Emanzipation der Kunst von kirchlicher Bevormundung hat sich der Spieß umgedreht: „Wenn man es auf die Spitze treiben will: Jetzt sind kirchliche Themen, Zeremonien und Gegenstände Mittel zum Zweck, wie es umgekehrt die Kunst lange Zeit für die Kirche gewesen war.“ Die Idee, eine Christusfigur aus Marzipan zu schaffen, verfolgt offensichtlich den Zweck, das nicht mehr Verstandene zu verstehen: „Christi Leib – für Dich gegeben“. Durch Irritation soll geklärt werden, nicht durch eine Erklärung, sondern in Form eines unmittelbaren Anreizes einer Süßigkeit, wird die Frage nach der Einverleibung Christi gestellt.

Die Einsetzungsworte der Abendmahlsliturgie werden materialisiert. Das Kunstwerk ist ein in Materie gesetztes Zitat, das gerade geschaffen, gleich wieder in Auflösung begriffen ist. Von daher handelt es sich um kein fertiges Kunstwerk, sondern es geht um die Auseinandersetzung mit dem Leib Christi und der im Abendmahl vollzogenen Wandlung oder Präsenz Christi in den Sakramenten von Brot und Wein. Dieser wird nachgespürt und soll von den Betrachtenden – so die Kunstschaffenden – vollzogen werden, im Geiste oder eben real, indem das Marzipanbrot zu sich genommen wird.

Nicht in einer gemeinsamen Abendmahlsfeier geschieht dies, sondern in der (Einzel) Betrachtung des Kunstwerks wird sowohl der persönliche Zugang zum Abendmahl (vorausgesetzt es gibt einen solchen) verunsichert und dogmatische Fragen werden berührt, die zugleich ästhetische Fragen in sich Bergen. Die Lehre der Transsubstantiation, die Lehre der Wandlung von Brot und Wein zu Leib und Blut Christi verbindet immanente und transzendente Potenzen der Wirksamkeit Gottes. Nach Luther sind in Christus die menschliche und göttliche Natur unvermischt, unverwandelt, ungetrennt und ungesondert vereinigt (unio sacramentalis). Das Brot sei mit Christus eins, sowie der Wein mit seinem Blut. Christus sei leiblich „in, mit und unter“ Brot und Wein anwesend.

In der Kunst geht es immer auch um Imaginationsmächte, die mehr sehen als das, was gezeigt wird. Die Aktion, die Wandlung, die Verkehrung und Umstülpung sind ästhetische Wirkkräfte, die auch zeitgenössische Kunst einsetzt. Der Glaube an einen Christus, der in Brot und Wein anwesend sein kann, ist in diesem Zusammenhang eine alte Einübung in die Macht der Imagination und ihre real geglaubte Erfahrungsdimension. Der Glaube an die Auferstehung, wie sie beim oben beschriebenen Kruzifix eine ästhetische Materialisierung bietet, ist deswegen überzeugend, weil Gewalttat (Kreuzigung) und eine Absage an diese Gewaltstrukturen mit diesem Corpus am Kreuz in einer Figur verbunden wurde.

Mit dem Christus aus Marzipan werden die Einsetzungsworte banalisiert, weil eine Eins-zu-Eins Übersetzung der Worte „Dies ist mein Leib“ isoliert aus dem Gesamtzusammenhang des Abendmahls dargestellt wird. Von daher handelt es sich hierbei auch um ein Kunstwerk und nicht um ein Sakrament. Hierin liegt die Provokation, aber auch die Chance des Werks, weil ein Unverständnis über das Abendmahl thematisiert wird: Essen Christen beim Abendmahl den Christus?

Die von der Kirche getragenen, jedoch auch immer wieder diskutierten Inhalte, wie denn das Abendmahl verstanden werden könne, werden hier angesprochen und herausgefordert. Darüber hinaus wird die Sinnentätigkeit in einem evangelischen Gottesdienstraum angesprochen. Das Essen, die Süße, der Geschmack wird dem Menschen in Form einer Christusgestalt angeboten. Die Verunsicherung, die dadurch entsteht, hat verschiedene Gründe. In diesem Zusammenhang möchte ich einige Fragen stellen, die den offenen Charakter dieser künstlerischen Arbeit unterstreichen sollen und nicht beurteilen möchten. Werden die Betrachtenden ohne eine Abendmahlsgemeinschaft, die im paulinischen Sinne auch als ein Leib verstanden wird, auf sich selbst zurückgeworfen? Ich selbst bin es vorrangig, die oder der sich bedienen kann. „Christi Leib für dich gegeben“ beinhaltet, dass ich etwas bekomme, empfange und dies geschieht in Gemeinschaft im Namen Jesus Christus. Sind die Betrachtenden des Kunstwerks, die sich ein Stück des Marzipans nehmen, folglich Alleinfeiernde? Möglicherweise kann ich auch etwas von einer anderen Person angeboten bekommen und dann löst sich der Allgemeingang auf. Wird jedoch die Frage nach einer feiernden Gemeinschaft in einem religiösen Zusammenhang damit (ein-) gelöst? Die Intention der Künstlerin und des Künstlers hat den zentralen Gemeinschaftsaspekt, der durch die Brotworte tradiert wird, nicht vorrangig interessiert. Ihnen ging es um das Verhältnis zum „Leib Christi“. Dieses kann jedoch ohne den Gemeinschaftsaspekt – im Sinne einer communicatio – nur bedingt erprobt und geklärt werden.

Die Brotworte einmal durchzuspielen, kann seinen Reiz und Sinn haben. Zugleich erfordert diese Arbeit neben ihrer provokanten Ausformulierung das Gespräch und die Diskussion. Erreicht dies zeitgenössische Kunst, hat sie im Rahmen eines aufgeklärten Kunstverständnisses ihr Soll (auch an Verunsicherung) erreicht.

Die Frage bleibt jedoch offen, ob dies ausreicht, denn die Wirklichkeit, mit der es der Glaube zu tun hat, wird in Zeichen erinnert, erfahren, vermittelt und gefeiert. Es geht um Zeichenerzeugung und Zeichenaustausch und eben nicht um eine direkte Übersetzung. Hierin liegt ein Stück Trivialität in dem Christus aus Marzipan, weil die Unübersetzbarkeit einer gedeuteten Wirklichkeit übersetzt sein will. Oder anders formuliert: In Kunst und Religion kann es einen Überschuss an Bedeutung der Zeichenträger (seien es Worte, Dinge/Objekte oder Rituale) geben. Hier gibt es eine Verbindung, die ausgekostet werden kann. Mit Sicherheit ist dieser Überschuss nicht direkt zu greifen oder in eine Eins-zu-Eins Übersetzungsformel zu bringen.

Das Angebot, sich ein Stück vom Marzipan abzuschneiden, hat bei GottesdienstbesucherInnen, Touristen, KonfirmandInnen, Gemeindemitgliedern etc. zu unterschiedlichen Reaktionen geführt. Hauptpastor Axel Denecke betrachtete das Kunstwerk, trotz seiner Umstrittenheit, als eine gelungene Herausforderung für die Kirche und ihre Glaubensinhalte. Die Einladung der Einverleibung des Marzipans wurde von einigen BesucherInnen angenommen, und der Christus begann seine Form zu verändern. An seinen Händen und Füßen fehlte ein Finger, die Ferse, mit der Zeit ein halber Arm und so fort. Von einigen wurde diese Christusdarstellung als Blasphemie empfunden, als eine Verletzung religiöser Gefühle, andere betrachteten das Werk von Ferne und ließen sich nicht näher darauf ein. Wie dem auch sei, diese Christusdarstellung im Kirchenraum hat Irritation, Gefallen, Abwehr und vor allem Verunsicherung ausgelöst.

Wirklich verunsichernd wurde es, nachdem am schon veränderten Körper durch das Essen des Marzipans, Verletzungen, Verstümmelungen, Einstiche, Kratzer und Fingerabdrücke zu sehen waren. Die Idee, sich ein Stück von diesem Marzipanleib abzuschneiden hat zu nicht erwarteten Handgreiflichkeiten geführt bis dahin, dass die unter dem Lendenschurz verdeckten Genitalien abgeschnitten wurden. Die Vorstellung der Künstler, dass in Auseinandersetzung mit einem Christus aus Marzipan, zentralen Fragen christlicher Glaubensinhalte nachgegangen werden konnte, hat eben auch Aggression und Gewalt ausgelöst. Der Gekreuzigte wurde – spitze ich den Akt der Verstümmelungen zu – noch einmal gekreuzigt. Ein Schreckensbild der Verunstaltung. Es hat nicht die erhoffte Auflösung des Werks stattgefunden, sondern Entstellung und Zerstörung. Die entscheidende Frage bleibt, woher diese Aggressionen rühren und um welche Art von Bildersturm es sich dabei handelt. Es wäre zu kurz gefasst, würde man meinen, die Arbeit an sich habe zu solchen Aktionen verleitet, weil durch die in ihr angelegte allmählich wachsende Entstellung des Körpers durch Gabel und Tortenheber derartige Gewalttaten vorprogrammiert gewesen seien.

Der Christus wurde schließlich mit einem Tuch bedeckt, ein Leichnam, und ist nun als verändertes Werk weit entfernt von der Intention der Künstler. Ihre Entscheidung, den Christus aus Marzipan vorzeitig aus der Ausstellung zu nehmen, war kein Kompromiss, sondern eine moralisch-ethische Handlung, die die Idee des Kunstwerks und das Werk an sich schützte.